Arbeitnehmende ü50 - ein Umdenken ist gefragt

Ältere Arbeitnehmende sind unflexibel, langsam und teuer: Ein Klischee, das bei weitem nicht der Realität entspricht. Erfahrene Arbeitskräfte sind für ein Unternehmen eine wertvolle Ressource – sowohl fachlich als auch menschlich. Dennoch; wer über 50 Jahre alt ist und nochmal eine neue Herausforderung sucht, kann es heute schwer haben. Ein Umdenken bei Unternehmen ist gefragt.

In der Schweiz ist die Beschäftigungsquote der 50- bis 64-Jährigen mit 81% (SECO, 2018) zwar relativ hoch, doch die Zahl trügt. Um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, halten sich viele Arbeitnehmende mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder machen sich mit punktuellen Aufträgen selbstständig. Das Motto: Alles, nur nicht aufs RAV oder gar beim Sozialdienst landen. Denn wer erstmal im System landet, hat es schwer, wieder rauszukommen. Ältere Arbeitnehmende müssen rund 1,5 Mal länger warten, bis ihre Stellensuche von Erfolg gekrönt wird – und das Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch. Mehr als ein Viertel der Arbeitssuchenden über 50 Jahre muss sich damit abfinden, dass sie keine Stelle finden.

Veränderungsscheu und langsam?

Doch warum haben es ältere Arbeitnehmende so schwer, eine neue Stelle zu finden? Vielleicht liegt es am oft wiederholten Vorurteil, dass ältere Menschen veränderungsscheu sind und sich deshalb nicht mehr an neue Prozesse, Methoden und Arbeitsweisen gewöhnen wollen. Dass diese Pauschalisierung weder Hand noch Fuss hat, zeigt ein Blick in die Realität. Genauso, wie nicht jeder Millennial ein Social-Media-Crack ist, sind ältere Mitarbeitende nicht per se Veränderungsscheu. Klar ist, dass je länger man eine bestimmte Routine befolgt, desto schwerer ist es, sich umzugewöhnen. Doch das trifft nicht nur auf ältere Arbeitnehmende, sondern auf Menschen im Allgemeinen zu. Routine und Monotonie führen dazu, dass Kreativität und Begeisterung abnehmen – und das ungeachtet des Alters.

Vorurteile herrschen auch bezüglich der Personalkosten. Höhere Pensionskassenbeiträge und langjährige Berufserfahrung machen ältere Arbeitnehmende tendenziell zwar teurer, doch häufig sind ältere Mitarbeitende verhandlungsbereit. Sind die Kinder nämlich ausgeflogen, sinken auch die Lebenskosten und damit die Lohnerwartungen. Deshalb ist das Argument, dass ältere Arbeitnehmende zu teuer sind, oft auch nicht haltbar. Zudem: Diversität – nicht nur bezüglich des Geschlechts, sondern auch betreffend Herkunft, Ausbildung und eben auch Alter – ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Unternehmen. Diverse Teams arbeiten erfolgreicher. Die McKinsey-Diversitätsstudie (2018) konnte feststellen, dass Diversität dazu führt, dass die Wahrscheinlichkeit, als Unternehmen profitabel zu sein, doppelt so hoch ist.

Neue Modelle: Voneinander lernen

Wer ältere Arbeitnehmende per se abschreibt, begeht einen Fehler. Denn: Eine wertvolle Ressource, die ältere Arbeitnehmende mitbringen, ist ihr beachtlicher Erfahrungsschatz. Junge Mitarbeitende verfügen zwar über die neusten Erkenntnisse aus Ausbildung und Studium, dafür fehlt es ihnen allerdings oft an Praxiserfahrung und Erfahrungswerten. Genau hier können Unternehmen ansetzen und neue interne Zusammenarbeitsmodelle einführen. Ältere und jüngere Arbeitnehmende tauschen sich in einer Art Mentoring regelmässig zu bestimmten Themen und Aufgaben aus. So lernen und profitieren sie voneinander. Auch die Zusammenarbeit in altersdurchmischten Teams erlaubt es den Mitarbeitenden, ihre individuellen Stärken und Fähigkeiten auf eine gewinnbringende Weise einzusetzen.

Unternehmen haben Verantwortung

Weiter haben Unternehmen nebst ihrer ökonomischen und ökologischen auch eine soziale Verantwortung: Ü50-Arbeitnehmende aufs Abstellgleis zu schieben, ist nicht nur ökonomisch – durch den Verlust von wertvoller Erfahrung und langjährigem Wissen – sondern auch ethisch unhaltbar. Nebst finanziellen Einbussen schlagen langanhaltende Jobsuche und Arbeitslosigkeit auch auf die psychische Gesundheit. Wer gegen seinen Willen aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen wird, kämpft nicht selten mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden; keinen Beitrag leisten zu können. Kurz: Nicht wertvoll zu sein.

Bei der Rekrutierung von Mitarbeitenden sollten sich Unternehmen also nicht fragen, ob die Kandidatin oder der Kandidat zu alt ist, sondern welche Qualifikationen und Fähigkeiten sie oder er mitbringt, und wie die Person ins Team passt. Alle Menschen haben unterschiedliche Erfahrung, Kenntnisse und Fähigkeiten. Ein Unternehmen, dass seine Mitarbeitenden kennt, kann diese auch entsprechend ihrem individuellen Profil einsetzen. Davon profitieren letztlich beide Seiten.



Autor: Doris Fink